AHS Aktion Humane Schule Baden- Württemberg e.V.

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24.06.2012

Unsere Mitgründerin, jahrelange Vorsitzende, Schatzmeisterin und Geschäftsführerin, Gudrun Pfitzer, verstarb am Sonntag, den 24. Juni 2012.

 

 

Wir trauern um sie und sind dankbar für alles, was sie geleistet hat.
 
—   ein Nachruf unserer Landesvorsitzenden, Helga Hohmann (PDF, 23 kB) 

und unseres Bundesvorsitzenden, Detlef Träbert(PDF, 35 kB)  —


09.06.2012

 Wir begrüßen Helga Hohmann als neue Landesvorsitzende der

 Aktion Humane Schule Baden-Württemberg e.V

 

 
Dr. Hans-Peter Waldrich danken wir für seine Arbeit und sein Engagement als ehemaliger Landesvorsitzender und wünschen ihm für seine künftigen Projekte

viel Freude, Kraft und Erfolg.
 
 presseerklärung von Helga Hohmann als neue Landesvorsitzende   —

 



30 Jahre Aktion Humane Schule in Baden-Württemberg

– Anlass zum Feiern!?


Es ist eine kleine Runde. Die letzten Aktiven der AHS Baden-Württemberg haben sich zum 30. Geburtstag zusammengefunden und blicken auf ihre Arbeit zurück.
Mit viel Enthusiasmus und großen Zielen waren sie am 20. März 1982 als Landesverband gestartet. An seiner Spitze stand Professor Leibrecht, selbst Lehrer und Vater. Sie wollten in den Köpfen von Politikern, Eltern und Lehrern Veränderungen anstoßen, Wege ebnen, die für alle Beteiligten, vor allem die Kinder im Land, und auch für die Gesellschaft zu einer Humanisierung der Schule führen sollten. Dass Schule 1982 nicht human war, zeigten so dramatische Ereignisse wie der Selbstmord eines sehr guten Schülers, der wegen der knappen Verfehlung eines Numerus Klausus um 1/10 nur noch diesen Ausweg sah. Wenngleich die statistische Zahl der Selbstmorde in 30 Jahren nicht auffallend zu Buche schlägt, so ist es doch die Gesamtzahl der durch eine inhumane Schule gebeutelten Schüler. Die Zahl psychosomatischer Erkrankungen der Kinder und Jugendlichen ist alarmierend, Stresssymptome wie Aggression und Nervosität, die sich u.a. durch abgekaute Fingernägel zeigt, kommen in allen Klassenstufen in allen Schulen reichlich vor. Ganz zu schweigen von der Menge vergossener Tränen in den Familien, die wegen schlechter Noten, nicht verstandener Aufgaben, ungerechter Bewertung und Demütigung durch achtlose Kommentare von Lehrern und Mitschülern vergossen wurden und werden.
Die nunmehr dritte Generation seit Gründung der AHS versucht in einem Schulsystem zu funktionieren, das sich in seiner Gesamtheit menschenfeindlich zeigt, den Wert des einzelnen Menschen, Kind und Erwachsener, nicht in den Vordergrund rückt und nicht als Ausgangspunkt pädagogischen Handelns wählt.

Keinen Stress mehr durch subjektiv dominierte Vergabe von Noten als Ziffern, mehr Zeit für Gespräche und individuelle Zuwendung zum einzelnen Kind, echte Kooperation zwischen Lehrern und Eltern sollten Alltag in allen Schulen werden, so das Ziel der Aktiven in 30 Jahren ehrenamtlicher Arbeit.

Die Forderungen der immer größer werdenden Gruppe wurden durch unzählige Vorträge im ganzen Land, die ausdauernde Suche nach Gesprächspartnern vor Ort, die Treffen mit Entscheidungsträgern der Politik, der Schulämter, der schulnahen Organisationen und der Verbreitung von Informationsmaterialien sowie einer eigenen Zeitschrift auf den Weg gebracht.
Es waren 3 Jahrzehnte Sisyphosarbeit. Elternrunden, Schulbesuche, Telefonberatung, Tagungen, Bücher und Broschüren wurden initiiert und erarbeitet.
Dialoge wurden geführt und das Gefühl, Gehör zu finden und Bewusstseinsprozesse anzustoßen, entstand. In vielen Einzelfällen konnte den Kindern und ihren Familien ein humanerer Weg durch den Dschungel des auslesenden Schulsystems in Baden-Württemberg geebnet werden. Konflikte konnten gemildert oder gelöst werden, aus Kampfhähnen wurden Zuhörende. Viele elterliche und pädagogische Herzen regten sich für humane Bedingungen in unseren Schulen. Lehrer veränderten ihren Unterricht und wurden achtsamer, Eltern blickten auf ihre Kinder mit der Wahrnehmung von Entwicklung und nicht von Karrierebiografien.
Doch was hat sich im Großen verändert in 30 Jahren aktiver Arbeit?


Unsere Schulen scheinen inhumaner denn je zu sein. Der große Wurf mit Veränderung für die Kinder ist nicht gelungen. Unsere Schulen lassen zu, dass Kinder traurig sind, weil Schule sie nicht wahrnimmt, wie sie sind, weil sie nicht Kinder sein dürfen, sondern funktionieren sollen. Unsere Schulen haben Pläne, die von Erwachsenen durchgesetzt werden und Kinder nicht mitnehmen. Unsere Schulen finden sich damit ab, dass die ureigenen Aufgaben Erziehung und Bildung in Zusammenarbeit mit den Eltern von einem Markt an Psychotherapeuten, Lerntherapeuten und Scharlatanen übernommen werden, die wissen, wie sie aufgrund der Mängel in Schulen Profit machen können. Eltern investieren Unmengen an Zeit und Geld, um Hausaufgaben zu erledigen oder ihren Kindern jene Lernangebote zukommen zu lassen, die Schule aus dem vermeintlichen Zeitmangel oder der fehlenden Zahl qualifizierter Lehrer nicht anbieten kann, aber in Prüfungen erwartet.
Bessere Chancen sollen die Kinder haben, nicht ausgelesen zu werden. Die Angst, dass das Kind nicht erfolgreich sein kann, hat in Elternhäusern zugenommen. Lehrer sollen reparieren, was nicht funktioniert. Mütter streiten und weinen mit ihren Kindern wegen verpatzter Arbeiten, die trotz des intensiven Familientrainings am Wochenende nicht den erwarteten Erfolg gebracht hat. – Alle machen mit und das auf Kosten der Kinder, die als künftige Generation einmal unsere Probleme lösen, uns liebevoll und kompetent pflegen soll.

Anerkennung und Wertschätzung für Lernprozesse und Entwicklung existieren im Verhältnis zur bezifferten Auswertung von Lernergebnissen kaum. „Das war mal wieder nichts!“ – der Spruch, der schon unsere Großeltern in Schulen erzittern ließ, ist noch heute in Klassenzimmern zu hören. Lehrer, die gegen den Mainstream schwimmen wollen, Kindern Raum und Zeit und Anerkennung einräumen, werden von vielen Kollegen verlacht. Teamarbeit unter Lehrern – in der größeren Anzahl aller Schularten in Baden-Württemberg Fehlanzeige. Einzelkämpfertum und Leistungsdruck auch für Lehrer sind Alltag. Aus Angst, dass ihre Kinder die heißersehnte Rolle in der Gesellschaft verpassen könnten, setzen Eltern ihre Kinder unter Druck, verweigern ihnen die zur Erholung notwendige Freizeit, füllen sie mit Lernstudio- und Sommercampzeiten, um zu kompensieren, was Schule nicht schafft, nicht schaffen kann und gehen auf den vermeintlich unfähigen Lehrer los, der ihr Kind mal wieder falsch bewertet hat.
Alle leben in der Angst zu versagen und geben diese schon früh an die Schützlinge weiter. Bereits Grundschüler können schon sehr genau benennen, „was ihnen nicht liegt“ und in dieser Gewissheit lassen sie sich dann lieber gar nicht erst auf komplizierte Fragestellungen aus Mathematik oder Naturwissenschaften ein, wenn sie nicht für die nächste Klassenarbeit zwingend erlernt werden müssen. Vermeiden anstatt sich herauszufordern ist das überlebensprinzip der Mehrheit der Schüler unserer Schulen, die für die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts ausbilden wollen.

Und was tun die Aktivisten der Aktion Humane Schule Baden-Württemberg angesichts der Tatsachen, die sie zur Kenntnis nehmen müssen?
„Wir werden mehr denn je gebraucht. Wir sind das mahnende Gewissen, der Stein des Anstoßes in einer Gesellschaft, die die Bedürfnisse von Kindern und Lehrern gleichermaßen missachtet. Wie sind weit davon entfernt, über eine humane Schule in Baden-Württemberg zu sprechen“, zogen die Aktiven mit ihrem Landesvorsitzenden Hans-Peter Waldrich Bilanz. „Es gibt weiterhin viel zu tun, bis wir in unseren Schulen eine Atmosphäre haben werden, in der das Lächeln vom Betreten des Hauses bis zum Verlassen am Nachmittag in allen Gesichtern zur Normalität geworden sein wird.“ Das Lächeln, das zeigt: Ich bin gern hier und ich freue mich auf morgen.

Anlass zum Feiern in der Landeshauptstadt Stuttgart besteht nicht. Doch sie haben einiges bewegt. Ohne sie, die AHS’ler, hätte sich an vielen Orten gar nichts bewegt, wären noch mehr Familien verzweifelt gewesen, hätten keine Hilfe erhalten.
Ans Aufhören, weil die Zahl der Aktiven klein geworden ist, denkt die Gruppe aus Eltern, Psychologen und Pädagogen nicht. Sie sind sich einig darin, dass es wichtig und notwenig ist, um jedes Kind zu kämpfen, das unsere Schulen besucht. Jedes Kind hat das Recht, ein Kind zu sein – auch in der Schule! Und wenn wir unsere Schulen humaner werden lassen, dann wird es auch unsere Gesellschaft sein. Grund genug, sich dafür aktiv einzusetzen und die Stimme weiterhin zu erheben.

Dossenheim, im März 2012

Signe Brunner-Orawsky
Schulleitung der
Freien Schule LernZeitRäume in Dossenheim
Tel. (Schule): 06221/868 2020



Signe Brunner-Orawsky war von 2002 bis 2008 Landesvorsitzende der AHS Baden-Württemberg und ist seit 2006 als Schulleitung der Freien Schule LernZeitRäume  in Dossenheim tätig, die sie als Gründerin auf den Weg gebracht hat.

 

Über das  arbeiten wir mit beim
 

 
Positionspapier für gewaltfreie Schulen (PDF)         Vorstellung des Bildungsnetzes (PDF)


Frühkindliche Bildung

offener brief an Frau Prof. Dr. Schick zum Forum „Frühkindliche Bildung“ vom 8. Juni 2010 (PDF, 125 kB) Petra Hoja Vorsitzende Schule mit Zukunft , Dr. Hans-Peter Waldrich; 1. Vorsitzender Aktion Humane Schule


vom Juni 2010
Demokratische Schulen sind die beste Prävention gegen Schulamokläufe und Schulgewalt Thesen:
1. Schulamokläufe sind keine Taten geisteskranker Sonderlinge. Sie entstehen nachvollziehbar aus Bedingungen, die auch auf viele andere Jugendliche einwirken und sie gefährden. Das Thema Schulamoklauf kann daher nicht dadurch erledigt werden, dass man es an die Psychiatrie abgibt.

Durch das 2009 erschienene Buch des amerikanischen Psychologen Peter Langman „Amok im Kopf“ ist die populäre Vorstellung verstärkt worden, Schulamokläufer seien Psychotiker oder Psychopathen. Diese These widerspricht jedoch sämtlichen Ergebnissen der bisherigen Forschung. Eine Vielzahl von Studien belegt dagegen, dass Schulamokläufer in der Regel nicht „geisteskrank“ sind. Es handelt sich um geschädigte, neurotische Jugendliche, die sich in einer seelischen Ausnahmesituation befinden. Sind Schulamokläufer also keine extrem abnorme Persönlichkeiten, genügt es nicht, sie aufzuspüren und zu isolieren, um ansonsten alles beim Alten zu lassen.
Denn die Ursachen für Schulamokläufe sind durchaus nachvollziehbar. Sie liegen in einer Reihe familiärer, gesellschaftlicher und schulischer Bedingungen, die ungünstig auf einen Jugendlichen wirken, der sich in einer seelischen Extremsituation befindet. Solche Jugendliche gibt es viele, auch wenn es dabei nicht zu Schulamokläufen kommt. Schulamokläufe erwachsen aus den gleichen gesellschaftlichen und schulischen Ursachen, die auch andere Gewalthandlungen von Jugendlichen und Schülern begünstigen. Daher sollte Schulamokläufen mit den gleichen Mitteln vorgebeugt werden, die sich auch bei der allgemeinen Gewaltprävention bewährt haben.

2. Die Schule muss ihren eigenen Anteil an der Erzeugung von Schülergewalt eingestehen und damit auch ihre Mitschuld an Schulamokläufen.
Schulen üben institutionellen Druck auf ihre Schüler aus, den man als „strukturelle Gewalt“ bezeichnet hat. Jedenfalls zeigen empirische Studien, dass herkömmliche Schulen gewaltförmiges Handeln bei Schülern in mancher Hinsicht begünstigen. Das heißt nicht, dass Schulen alleine ursächlich sind für die Ausübung von Gewalt durch Schüler. Schulen sind jedoch in der Regel so gestaltet, dass einige ihrer Strukturen und Abläufe die Gewaltneigung von Schülern verstärken. Viele dieser Faktoren gehören zu gesetzlich festgeschriebenen Verfahrenszwängen (z. B. die Erteilung von Ziffernnoten) und können von den Schulen selbst nicht maßgeblich verändert werden.
Schulen sollten dagegen so gestaltet sein, dass vorhandene Dispositionen zur Ausübung von Gewalt nicht verstärkt, sondern abgeschwächt werden. Das heißt:

• Keine Selektion und Auslese!
Besonders zu vermeiden sind Maßnahmen der Ausgrenzung. Schulamokläufe zeigen, dass das Gefühl ausgegrenzt zu sein, Wut und Gewalt hervorrufen kann.

• Keine Kränkung und Beschämung!
Das betrifft auch Prozeduren, die in der Regelschule als selbstverständlich gelten, wie die Erteilung von Ziffernnoten oder das Sitzenbleiben.

• Kein Rivalisieren um „Erfolg“ und „Leistung“!
Die Fixierung auf den Notenerfolg fördert ein falsches Leistungsverständnis. Es reizt Schüler, die sich durch Noten abgewertet fühlen, „Erfolge“ mittels Gewaltausübung zu suchen. Außerdem zerstört es das Miteinander der am Schulleben Beteiligten.

• Kein Lernen im Gleichschritt!
Jeder Mensch lernt anders, altersgleiche Jugendliche befinden sich auf ganz verschiedenen Entwicklungsniveaus. Werden sie zum Gleichschritt gezwungen, schafft das Ausgrenzungserlebnisse und dadurch Aggression.

• Kein Häppchenlernen von Stoffen, die als sinnlos empfunden werden!
Junge Menschen leiden zunehmend unter Gefühlen der Sinnleere und der Zukunftsangst. Art und Inhalte des schulischen Lernens verstärken oft dieses Erleben. Für diesen Mangel suchen Schüler Ersatz, u. a. in aggressiven Medienangeboten.

• Keine Ignorierung der Lebensumwelt, aus der Schüler kommen!
Schulen sind keinen Paukanstalten, sondern Erfahrungsräume. In ihnen muss sich der ganze Mensch einbringen können. Die Alltagswelt von Schülern darf daher nicht übergangen werden (z. B. deren Mediennutzung). Auch die seelischen Probleme von Jugendlichen dürfen nicht ausgeblendet werden.

Aber:
• Systematische Stärkung des Selbstwertempfindens von Schülern.
• Anerkennung und Wertschätzung als Mittelpunkt des pädagogischen Geschehens.
• Individuelle Förderung aufgrund der persönlichen Voraussetzungen und Befähigungen jedes Einzelnen.
• Zeit für Kommunikation und Begegnung.
• Statt Rivalität gelebte Kooperation und Solidarität.
• Aufnahme der alltäglichen Erfahrungen der Schüler in den pädagogischen Raum.
• Vermittlung von Sinnerleben und Wertorientierung durch echte Schulkultur.

3. Gewaltprävention darf nicht alleine den Lehrern und Schulen aufgebürdet werden.
Innerhalb der gegebenen Strukturen sind die Handlungsmöglichkeiten der Lehrer und selbst der Schulleitung eng begrenzt. Daher muss die Politik im Rahmen einer generellen Schulreform die notwendigen Änderungen gesetzlich ermöglichen. Der Abbau „institutioneller Gewalt“ an Schulen muss „von oben“ her ermöglicht werden, zum Beispiel durch Reduzierung des dienstlichen Zwangs, junge Menschen ständig bewerten und kategorisieren zu müssen. Stoffdruck und Zeithetze müssen abgebaut werden. Den Lehrern muss Zeit gegeben werden, sich den Schülern zuzuwenden. Zudem benötigen die Schulen Unterstützung durch Fachleute wie Psychologen und Sozialpädagogen.

4. Schulamokläufe erwachsen aus ähnlichen Ursachen wie die Gewaltkriminalität außerhalb der Schule. Daher können kriminologische Konzepte der Gewaltprävention auf die Schule übertragen werden.
Nach der Überzeugung von Kriminologen entsteht Kriminalität häufig durch zwei Faktoren:
Durch fehlende Einbindung und damit aus dem Fehlen von Gefühlen der Verpflichtung gegenüber anderen sowie aus einem Mangel an Möglichkeiten, Lebenssituationen zu kontrollieren, also aus Erfahrungen der Ohmacht und Unterlegenheit (T. Hirschi/R. Tittle).
Gewaltprävention hat es daher auch an Schulen mit zwei grundsätzlichen Aufgaben zu tun: die Schüler sollten innerhalb der Schulgemeinschaft Bindungen aufbauen können. Sie sollten dadurch innere Verpflichtungen gegenüber anderen erfahren. Darüber hinaus sollte den Schülern ein hohes Maß an Mit- und Selbstbestimmung zugestanden werden, damit sie das Schulleben so weit wie möglich als einen von ihnen selbst gesteuerten Prozess erleben.
Werden die Erkenntnisse der Kriminologie auf die Schule übertragen, so sollte also dem Beziehungsgeschehen in der Schule eine weit größer Aufmerksamkeit gewidmet werden als bisher (Joachim Bauer). Zudem sprechen die Erkenntnisse der Kriminologie dafür, junge Menschen vor der Erfahrung des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht zu schützen. Das scheint am besten in einer in hohem Maße schülerzentrierten, kooperativen und demokratischen Schule gewährleistet zu sein. Sie erlaubt es den Schülern, ihre Beziehungen in der Schule und ihre Lernprozesse so weit wie möglich selbst zu kontrollieren.

5. Gewaltfreie Schulen weisen in die Richtung demokratischer Schulmodelle, wie sie schon lange innerhalb der demokratischen Reformpädagogik praktiziert werden.
Demokratische Schulen stehen eher in angelsächsischer Tradition (John Dewey) als derjenigen der deutschen Reformpädagogik. Sie verstehen sich als Schulen der Demokratie nach den Grundsätzen des „Selfgovernment“.
Solche Schulen
• sehen Kommunikation, gute Beziehungen und Verständigung als Basis ihrer Pädagogik an,
• betrachten das Schulleben als ein gemeinsames Projekt,
• sind lernende Schulen mit offenen Zielen,
• richten sich auf ein gemeinsam zu ermittelndes Wertekonzept im Rahmen der Menschenrechte,
• unterliegen der öffentlichen Kontrolle von Eltern, Schülern, Lehrern sowie der Beteiligten der Schulumwelt.

So ist soziales Lernen in das Konzept einer demokratischen Schule auf allen Ebenen eingebaut. Soziales Lernen wird als „gewaltfreie Kommunikation“ (M. B. Rosenberg) täglich eingeübt. Das Lernen selbst ist nicht auf Auslese ausgerichtet, sondern auf Förderung. Es vollzieht sich sowohl individualisiert als auch im Hinblick auf gemeinsames Projektlernen. Gewaltprävention ist insofern bereits in die Grundsstruktur einer demokratischen Schule integriert. Es wird nicht erst zur Reparatur der durch die Schule selbst stimulierten und verstärkten Gewaltneigung von Jugendlichen nachträglich aufgepfropft.

Literatur:
Frank J. Robertz, Ruben Wickenhäuser: Der Riss in der Tafel. Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule, Heidelberg 2007 (enthält neben guten Analysen umsetzbare Anleitungen zur Gewalt- und Amokprävention an Schulen).
Hans-Peter Waldrich: In blinder Wut. Amok und die Verantwortung der Schulen, 2. Aufl., Köln 2010

Ein Beitrag von Dr. Hans-Peter Waldrich
Landesvorsitzender der Aktion Humane Schule Baden-Württemberg e.V. 

download-pdf- Thesen zur Gewaltprävention

 


offener Brief an Frau Bundeskanzlerin Merkel, Frau Bundesbildungsministerin Schavan sowie an die Kultusminister vom Nov. 2009, PDF von Rita Mülfarth aus Illingen

 

Der offene Brief und das Antwortschreiben sin mit der Umstellung auf die neue Homepage leider nicht mehr verfügbar!



Leserbrief WKZ zu "Neue Schulmodelle gefordert" vom 31. Juli 2009

In Winnenden beging ein Schüler Selbstmord und nahm 15 Menschen mit in den Tod. Und Herr Rau, unser Kultusminister, hält immer noch am CDU-"Geländer" für Schulen fest. Auslese nach sozialen Gesichtspunkten und nach Behinderung. Viele Menschen unterstützen ihn immer noch. – Sie auch?
Wenn in Schweden ein Kind das Abitur erreichen will, dann bekommt es von seinen Lehrern so viel Unterstützung, dass es sein Ziel erreicht.
Wenn ein Kind in unserem Schulsystem Schwächen zeigt, dann ist seine Meinung nicht gefragt, es ist dann eben nicht auf der richtigen Schule und muss im schlimmsten Fall seine Schulkameraden, seine Klassse, die Schule verlassen – wie der "Geiselnehmer" von WN-Neustadt, der in der Zwischenzeit auch durch Selbstmord starb.
In diesem (Ein-)Bildungssystem geht es nicht um die besten Lösungen in einer komplexen Welt, sondern um Statussymbole, Erhalt von Pfründen und Konkurrenz um den zukünftigen Arbeitsplatz. – Und das schon in der Grundschule!
"Nach Ausschwitz hätten wir andere Schulen gebraucht", sagte Peter Paulig. – Und nach Winnenden?
Wer in Zeiten knapper Arbeitsplätze die Konkurrenz ab dem Grundschulalter schürt und die Solidarität verringert, nimmt bewusst oder unbewusst die Folgen von Hass und Verzweiflung in Kauf.
Eine kinderarme Gesellschaft braucht Schulen, in denen Kinder ihre Verschiedenartigkeit als Bereicherung erleben, wo Wohlwollen und Vertrauen täglich gelebt werden, wo Leistungsschwäche nicht zum Ausschluss führt. – Und das geht in einem vielgliedrigen Schulsystem nicht!

Arbeitskreis Stuttgart
Kontaktadresse: Helga Hohmann
Brühlstr. 19
71404 Korb
Tel.: 07151/606534


 

Am 19. März 2009 wurde unter Federführung der Aktion Humane Schule e.V. und

Schule mit Zukunft e.V. ein offener Brief an alle Kultusministerien veröffentlicht. Darin wurde u.a. gefordert, e

ndlich die Schulen menschlicher zu gestalten, da dies die beste Prävention gegen Schulamokläufe wäre. Hierzu erhielten wir ein Antwortschreiben des baden-württembergischen Staatsministeriums für Schule, Jugend und Sport.

Der offene Brief und das Antwortschreiben sin mit der Umstellung auf die neue Homepage leider nicht mehr verfügbar!

 



Kein Kind zurücklassen!

Die große Traueranzeige für die Opfer des 11. März 2009 des Landes Baden-Württemberg in den Tageszeitungen stimmte sicher nicht nur mich traurig. Die lange Liste der Opfer versetzt einen Stich und lässt mittrauern. Diese schreckliche Tat möchte sicher jeder ungeschehen machen.
Doch ein Stück Trauer sollte auch Tim gelten. Was hat ihn zu solch einer schrecklichen Tat geführt? Dass ein Jugendlicher zu dieser Tat fähig ist, hat ja sicher eine Vorgeschichte. Wo wurde er zurückgelassen und nicht mehr aufgefangen? Dieser Frage muss nun die Aufmerksamkeit gelten, sie muss zur Verhinderung zukünftiger schrecklicher Taten herangezogen werden.
Und um in Zukunft solche Unglücke zu verhindern, helfen keine Einlasskontrollen an Schulen oder Verschärfungen des Waffengesetzes. Hier helfen nur
• Aufmerksamkeit, Sensibilität und Liebe, Geduld, Zeit für unsere Kinder von seiten der Familie wie auch der Umgebung;
• weniger Druck und Konkurrenzdenken;
• die Schule als ein Ort, an dem sich Kinder gerne treffen und gemeinsam lernen, spielen und Freude haben;
• geduldige, einfühlsame Lehrkräfte als Vertrauenspersonen für unsere Kinder.
Es darf kein Kind zurückgelassen werden, jedes Kind soll den Mut haben können, sich mit Problemen an eine Person seines Vertrauens zu wenden, die Kinder (Menschen allgemein) sollen einander annehmen, sich achten, die Stärkeren sollen den Schwächeren helfen, um auch diese stark zu machen.
Dies und noch viel mehr sollte Selbstverständlichkeit sein.
Denn es stimmt mich unendlich nachdenklich und traurig, dass vielleicht noch mehr Kinder und Jugendliche in einer verzweifelten Lage sind, in der ihnen keiner mehr helfen kann oder will. In einer Lage, die die Gefahr in sich birgt, auch in einer solch schrecklichen Tat zu enden.

Sabine Hergesell
Aktion Humane Schule Baden-Württemberg


 

Wir helfen uns gegenseitig
Schülerinnen und Schüler praktizieren (Nach-)Hilfe im Unterricht

Mit zehn Argumenten fasse ich hilfreiche Erfahrungen aus einem förderorientierten Unterricht zusammen: Die Kinder und Jugendlichen lernen, sich selbst und gegenseitig beim Lernen zu helfen. Die zehn Elemente sind zur Veranschaulichung direkt aus der Schülerperspektive formuliert.

  1 • Bevor wir anfangen zu arbeiten, lesen wir uns die Aufgabe zweimal selbst vor und vergewissern uns, ob wir sie verstanden haben. Wir können auch Selbstgespräche führen, in dem wir z. B. sagen "ich will das und das tun, dafür muss ich zuerst ...". Damit stellen wir uns die Arbeitsschritte vor.

  2 • Wenn wir nicht sicher sind, ob wir die Aufgabe verstanden haben, müssen wir das vorher mit einem anderen Schüler besprechen.

  3 • Wir arbeiten dann möglichst ohne Hilfe der Lehrerin. Bevor wir sie fragen, versuchen wir uns selbst zu helfen, dann helfen wir uns gegenseitig. Deshalb können alle in der Klasse Helfer sein.

  4 • Wenn wir Probleme beim Arbeiten haben, fragen wir uns, woran das liegen kann, was wir uns vorgenommen haben und wie wir vorgegangen sind.

  5 • Erst wenn das nicht hilft, erklären wir unserem Partner die Schwierigkeiten, um mit seiner Hilfe weiterzukommen. Das machen wir genauso beim Überprüfen und Vergleichen der Arbeitsergebnisse. Wir nennen das Partnerkontrolle.

  6 • Wenn wir bei einem Lernproblem mit dem Partner nicht weiterkommen, sprechen wir mit unseren Experten oder Lernchefs in der Klasse. Wir wissen genau, wer für welche Bereiche zuständig ist. Erst wenn das auch nicht klappt, fragen wir den Lehrer oder die Lehrerin.

  7 • Bei der Beratung mit unseren Lernchefs oder dem Lehrer versuchen wir herauszufinden, wo das Problem liegt, wie es zu lösen ist und wie man das besser machen kann.

  8 • Diese Lernschwierigkeit tragen wir in unserem Lerntagebuch ein, aber natürlich auch das, was wir schon können. Außerdem reden wir in der Klasse über unsere Ergebnisse und über das, was uns weitergebracht hat.

  9 • Das Lerntagebuch besprechen wir mit dem Lehrer, wenn es gerade passt. Dann wird vereinbart, wie und wann wir an welchen Schwierigkeiten arbeiten. Zu bestimmten Zeiten üben Schüler mit ähnlichen Problemen in Tischgruppen zusammen und helfen sich.

10 • Nach ungefähr einem halben Jahr werden die Lernfortschritte mit dem Lehrer besprochen. Dafür haben wir das Lerntagebuch und einen Förderplan des Lehrers. Natürlich werden die Lernprobleme auch mit allen zusammen in der Klasse diskutiert. Dabei geben wir Lerntipps und Lernhilfen weiter.

Wulf Wallrabenstein

...aus dem aktuellen Heft der "Humanen Schule" april 2006.



PISA – und die Folgen?

"Bin ich gut, Frau Maier?" "War ich schlecht, Papa?" Solche Kinderfragen hören Lehrer/innen und Eltern häufig dann, wenn die ersten Schulnoten Einzug in das bislang vom Zwang ständigen Beurteiltwerdens unbeschwerte Kinderleben halten. Das Notendrama beginnt hierzulande spätestens am Ende der 2. Klasse - und nimmt in den folgenden Schülerjahren nicht selten seinen verhängnisvollen Lauf.
Von Glück können die reden, die bei den Zensurenverteilungsprozeduren auf der Sonnenseite stehen. "Ich habe nur 1er und 2er - ich bin gut, gell?" Doch wehe, wenn’s nicht so gut läuft, wenn 4er, 5er oder gar 6er trotz höchster Anstrengung und größtem Fleiß an der Tagesordnung sind! "Ich bin schlecht" ist die traurige Bilanz vieler Kinder bereits nach wenigen Monaten oder Jahren in der Institution Schule. Vom ersten Schultag an bekommen zu viele Kinder immer noch das Gefühl vermittelt, sie seien "nicht gut genug".
Man braucht kein Psychotherapeut zu sein um zu erahnen, welche verheerenden Folgen es für das Selbstvertrauen, das Selbstwertgefühl und den späteren Lebensweg eines Kindes haben kann, wenn es über Jahre hinweg immer wieder die Botschaft bekommt, "nicht gut genug" zu sein. Und so drängt sich die Frage auf, wer da eigentlich nicht gut genug ist: das Kind für die Schule - oder das System Schule für das Kind?
Nicht zuletzt die neueste PISA-Studie spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache: Im (sozial ungerechten) Selektieren durch Ziffernnoten sind wir einsame Spitze, wobei der Lernerfolg deutscher Schüler im Lesen, Schreiben und Rechnen (allem Notendruck zum Trotz) weiterhin stark zu wünschen übrig lässt.
Da helfen auch gut gemeinte neue Bildungspläne, die dem Grundtenor nach durchaus verheißungsvolle Möglichkeiten pädagogischer Gestaltung eröffnen, wenig. Solange die Schule nicht von den Grundübeln der pädagogisch fragwürdigen Leistungsbeurtei-lung durch Ziffernnoten, dem unseligen Konkurrenzprinzip und der frühen Verteilung auf die drei weiterführenden Schularten befreit ist, werden wir bei PISA im unteren Bereich angesiedelt bleiben. Wie sonst ließe es sich erklären, dass ein Land wie Finnland, wo die Kinder 9 Jahre lang gemeinsam lernen und erst ab Klasse 7 obligatorisch Noten bekommen, unbestrittener PISA-Sieger ist?
Es gibt viel zu tun im deutschen Schulsystem – und auf dem Weg zu einer humanen Schule ist ein grundlegendes Umdenken dringend notwendig. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben - auch und gerade im Bildungswesen. Die Kinder sind unsere Zukunft. Es gilt, sie zu stärken und für eine Welt fit zu machen, die große Herausforderungen an uns alle stellt. Dies wird uns nur gelingen, wenn alle Kinder in der Schule die Erfahrung machen dürfen, dass sie "gut genug" sind, ihren Beitrag zum Ganzen zu leisten.

Dipl.-Päd. Annette Pfisterer
Aktion Humane Schule Baden-Württemberg

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